Berlin

Fieberkrampf – harmloser Horror

Julia

Mein kleiner Charlie liegt schlafend auf mir und seine Stirn brutzelt an meiner Haut. Heute Nacht kam mal wieder das Fieber und ich frage mich, ob wir in diesem Jahr bislang auch nur eine Woche ohne Fieber erlebt haben. Mal sind es die Zähne, mal eine fiese Kinderkrankheit aus der Kita; Fieber ist 2019 auf jeden Fall unser ständiger Begleiter. Charlie wälzt sich im Schlaf in meinen Armen, ich fühle seinen Rücken – er glüht. Es wird wohl Zeit für das nächste Mal Fiebermessen und vermutlich auch eine neue Portion Fiebersaft. Sobald er wach ist, denke ich, schauen wir uns das mal an. In diesem Moment öffnet er die Augen, aber irgendetwas stimmt nicht. Er blinzelt zur Decke, die Wimpern flattern. Als er den Kopf zurückwirft und beginnt am ganzen Körper zu zucken schießt es mir in den Kopf: oh nein, wieder ein Fieberkrampf!

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5 Monate zuvor…

Als Charlie in einer lauen Oktobernacht seinen ersten Fieberkrampf hatte, war uns nicht klar, womit wir es gerade zu tun haben. Zwar hatten wir in einem Erste Hilfe Kurs für Eltern schon mal davon gehört, in dem Moment der Wahrheit aber gar nicht daran gedacht.

Ich hörte im Halbschlaf Charlie in seinem Bettchen nebenan vor sich hin murmeln. Hörte, wie Sascha aufstand, um ihm seine Milchflasche zuzubereiten. Plötzlich heulte Charlie auf und Sascha schrie »Ruf den Notarzt!!« Mein Traum zerriss und ich war hellwach.

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Der erste Fieberkrampf schlägt dich aus deiner Umlaufbahn

Wir hatten das Gefühl, Charlie würde nicht mehr atmen. Er röchelte stark, bewegte sich nicht und hatte blaue Lippen. Das er nicht wirklich ansprechbar war und auf nichts reagierte war für mich das Schlimmste. Wir redeten auf ihn ein, streichelten und trösteten ihn, wussten aber nicht, ob irgendetwas davon bei ihm ankam. Er war irgendwo anders. Die Augen, halb geschlossen, starrten an uns vorbei in die Ferne.

»Hilfe! Ich glaube mein Baby atmet nicht mehr!«

Ich hatte in 26 Sekunden dem Berliner Feuerwehrmenschen alles durchs Telefon gesprudelt, was er wissen wollte. Kurz nachdem mein Notruf beendet war, rief mich ein weiterer Mitarbeiter der Notfallrettung an und blieb so lange bei mir am Telefon, bis die Kollegen mit dem Rettungswagen bei uns waren.

Ein Fieberkrampf sieht aus wie ein epileptischer Anfall

Er stellte uns gezielte Fragen zu Charlies Hautfarbe, Herzfrequenz und Atem. Erst als er fragte, ob unser Baby sich warm anfühlte, dämmerte mir, dass es sich hier um einen Fieberkrampf handeln könnte.

12 Minuten lang Unendlichkeit

Die Sirenen hielten 10 Minuten nach meinem Anruf vor unserem Haus. Die schweren Stiefel der 5 Feuerwehrleute polterten die Stufen zu unserer Wohnung hinauf und als sie an mir vorbei ins Kinderzimmer eilten brachen bei mir alle Dämme. Ich umklammerte noch immer das Telefon, als mir einer der Notärzte seine behandschuhte Hand auf die Schulter legte, konnte ich mich kaum mehr auf den Beinen halten. All die Anspannung dieser absurden Situation verließ mich und ich war überglücklich nun die Profis im Haus zu haben. Meine Tränen klatschten auf den Holzboden in Charlies Kinderzimmer, in dem nun geordnetes Chaos herrschte.

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»Jetzt wird alles gut« dieser Gedanke hallte immer wieder durch meinen leeren Kopf. Und tatsächlich war Charlie wenige Sekunden vor dem Eintreffen der Feuerwehr wieder zu Bewusstsein gekommen. Nun blickte er verwundert und erschöpft von einer Person zur nächsten. Betrachtete skeptisch die Manschette, die sich um seinem winzigen Arm immer fester zog, um seinen Blutdruck zu kontrollieren. Er weinte nicht, ließ nur ab und zu einen gequälten Ton von sich und schien insgesamt einfach nur fix und fertig zu sein.

Und ich war einfach nur so wahnsinnig froh darüber, dass wir ein Hilfssystem haben, in dem sich irgendwelche fremden Leute mitten in der Nacht in ein Auto setzen und mit heulenden Sirenen quer durch die Stadt fahren, um uns beizustehen und zu helfen.

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Von einem Fieberkrampf erholen sich die Kinder schneller, als die Eltern

In dieser Nacht, ein paar Tage vor seinem ersten Geburtstag, fuhr unser Baby samt Papa dann also im Rettungswagen mit ins Krankenhaus. Dort wurde er untersucht, verkabelt und beobachtet. Zwei Tage blieben die Jungs zur Sicherheit im Krankenhaus, ein zweiter Fieberkrampf blieb aus.

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Während uns Eltern das Erlebnis noch immer in den Knochen steckte, war Charlie an Tag 2 in der Kinderrettungsstelle bereits von allem gelangweilt. Das Fieber war weg. Er turnte in seinem Gitterbettchen hin und her, verstand nicht, was er hier eigentlich noch sollte.

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Der zweite Fieberkrampf war anders

Nach etlichen Monaten und vielen vielen Tagen und Nächten mit Fieber haben wir also neulich leider doch einen weiteren Fieberkrampf erlebt. Ich hatte so gehofft, dass es einfach bei diesem einen Mal bliebe. Aber gut. Es ist wie es ist. Vor allem ist es beim zweiten Mal anders…

Es ist einfacher mit einer Situation umzugehen, wenn man weiß, was gerade passiert. Die Diagnose Fieberkrampf war sofort präsent. Das Programm spulte sich dann ganz von allein ab. In solchen Situationen funktioniert man einfach.

Auch dieses Mal war es so, dass je ruhiger Charlie wurde, desto mehr erlaubte sich mein Körper zu zittern. Als Charlies Krampf vorbei war, erlebte mein Körper ein wahres Erdbeben. Mein Kopf war klar. Wir hatten auch soweit alles im Griff. Nachdem der ganze Spuk vorbei war, riefen wir zur Absicherung den Notarzt (alle Kinderärzte der Umgebung hatten bereits geschlossen). Erst in diesem Moment brach plötzlich irgendwo in mir wieder mein Schutzwall und mir kullerten die Tränen über die Wangen. Mir war nicht bewusst, dass ich meine Emotionen offenbar irgendwo verbarrikadiert hatte, aber die Ansage der Berliner Feuerwehr am anderen Ende der Leitung hat irgendwie auch die Hilflosigkeit der Nacht vor 5 Monaten wieder in mein Gedächtnis gerufen.

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Sich Sorgen machen bringt nichts. Man macht es trotzdem.

Ich würde mich als eine entspannte Mama bezeichnen. Zwar bin ich ein Typ mit ängstlichen Tendenzen, aber ich arbeite jeden Tag daran meine eigenen Sorgen nicht zu denen meines Kindes werden zu lassen. Lasse meinen kleinen Wirbelwind seine eigenen Erfahrungen machen und bin zum Trösten da, wenn ich das Hinfallen ja doch nicht verhindern kann.

Den Gedanken an einen weiteren Fieberkrampf nehme ich jeden Abend mit ins Bett.

So sehr ich auch von meinem kleinen Jungen lerne unbeschwerter zu leben, so kompromisslos setzen mir Erlebnisse wie diese Fieberkrämpfe zu. In den vergangenen 5 Monaten habe ich sehr häufig in Gedanken geübt. Habe verinnerlicht, was bei einem erneuten Fieberkrampf zu tun ist, in der Hoffnung es nie anwenden zu müssen. Habe mir eingeprägt, wo das entkrampfende Mittel liegt, dass uns der Arzt aus dem Krankenhaus damals mitgegeben hat. Habe mir vorgestellt, was ich zuerst und zuletzt mache, um im Falle eines Falles möglichst ruhig bleiben zu können. Vielleicht hat mir das beim zweiten Fieberkrampf tatsächlich geholfen. Vielleicht hat es mich aber auch nur die ein oder andere Nacht schlechter einschlafen lassen…

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Keine Angst vor Fieber!

Letztlich sind Fieberkrämpfe selten. Nur eine kleine Gruppe (3-5%) aller Kinder sind überhaupt Risikopatienten und nur ein Bruchteil von ihnen wird überhaupt jemals einen Fieberkrampf erleben. Trotzdem ist es gut schon mal davon gehört zu haben! Es gibt viel darüber im Internet zu lesen, eine sehr gute Zusammenfassung bietet zum Beispiel dieser Beitrag hier.

Ein Fieberkrampf sieht viel schlimmer aus, als er ist und die Kinder erholen sich viel schneller von dem ganzen Schrecken als die Eltern. Klingt immer irgendwie doof, aber es stimmt.

Außerdem sinkt das Risiko bei schnell ansteigendem Fieber einen Fieberkrampf zu bekommen mit dem Eintritt ins Schulalter gegen Null. Also hat zumindest diese Sorgenzeit ein Ablaufdatum, das ist doch auch mal was.

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Fieber ist etwas Gutes und uns haben die Ärzte immer wieder beteuert, dass wir bitte keine Angst davor haben sollen. Wir haben dank der Kita ja auch genug Übung im Umgang damit, es vergeht in diesem Winter hier praktisch keine Woche ohne Fieber. Natürlich sind wir Eltern nach den Fieberkrämpfen etwas sensibler, wenn das Thermometer steigende Temperaturen anzeigt, aber man lernt neu damit umzugehen. ♥︎

 

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