Was ich nach 9 Monaten Elternzeit an meinem Job vermisse

Julia

Alles gleich und doch so anders

Die Straßenbahn ist voller müder Gesichter und coffee to go Becher. Mit Müh und Not fädele ich mich samt Kinderwagen in das für uns vorgesehene Abteil. Vorbei an Menschen, die offensichtlich genervt von meinem Fuhrwerk, ihren Platz räumen müssen.

Was ich nicht vermisse: Berufsverkehr!

Endlich aus der Bahn gestiegen, laufe ich die letzten Meter durch Friedrichshain zum Büro, dass ich seit Monaten nicht mehr betreten habe. Charlie quiekt wie immer fröhlich in seiner Kutsche vor sich hin und ich wundere mich, dass ich gar nicht nervös bin. Ich hatte mir irgendwie mehr Aufregung ausgemalt. Aber es ist der alte Weg gesäumt von den üblichen Cafés, in denen bekannte Gesichter hinter ihren Zeitungen hervorblinzeln. Absurd, dass sich hier nicht so wirklich viel verändert hat, dabei ist bei mir doch so vieles anders geworden. Aber auch mir sieht man wohl die Kehrtwendung in meinem Leben kaum an; abgesehen vom Kinderwagen natürlich.

Arbeitsweg Kinderwagen BerlinZurück im fremden Büro

Im Büro angekommen stürzen sich gleich eine handvoll Kolleginnen auf mein Baby, das eingeschüchtert immer leiser wird.

Mir wird ein neu ausgebauter Teil gezeigt. Eine Lounge-Ecke hier, drei Trillionen neue Schreibtische dort. Im großen Meeting Raum ist gerade irgendein CEO zu Besuch und die Hälfte der Belegschaft lauscht interessiert seinem Vortrag.

Es ist, als wäre ich nie weg gewesen und dennoch ist alles irgendwie fremd.

Während ich an den ganzen Schreibtischinseln entlang spaziere, auf denen zig neue Kollegen gestrandet sind, erntet mein Baby erfreute Blicke. Mit meinem Gesicht können die meisten jedoch nichts anfangen. Immerhin steht der Kicker-Tisch noch dort, wo ich zuletzt haushoch mein letztes Spiel verloren habe.

Berlin Startup Kickertisch

Mama im Arbeitsmodus

Ich merke, wie ich in meinen Arbeitsmodus verfalle. Erwische mich, wie ich auf jeden Team-Monitor schaue, auf dem Statistiken flimmern. Ich habe gern hier gearbeitet und merke das gerade wieder besonders.

Man unterhält sich zu Hause den ganzen Tag mit einem Baby, das nicht antwortet.

Die Elternzeit allein mit dem Baby bringt eine gewisse Isolation mit sich. Nicht umsonst gibt es die viel belächelten Muttis, die sich zum Latte Macchiato auf dem Spielplatz treffen. Man tut schließlich alles, um den Umgang mit Menschen im eigenen Alter nicht zu verlernen.

Ein befreundeter Vater, der gerade seine zwei Monate Elternzeit angetreten ist, stellte nach ein paar Wochen erstaunt fest »Irgendwie ist es ganz schön einsam!«

Büro Frau nachdenklich Startup Mitarbeiterin Kollegin

Vermisse ich meinen Job im Büro?

Und dann stehen wir plötzlich in der kleinen Küche in der hintersten Ecke der Büroetage und quatschen neben dem Wasserspender. Meine Kollegen, mit denen ich schon viele Niederschläge und Erfolge erlebte. Plötzlich dämmert es mir – das vermisse ich!

Ich vermisse nicht meinen Arbeitsplatz, nicht die Meetings und auch nicht unbedingt mein Gehalt; aber mir fehlen die Unterhaltungen, Insider-Witze und Mittagspausen.

Büro Wasserspender beleuchtetBüro Wasserspender Frau Smalltalk KollegenBüro Kaffeemaschine Kaffeekanne Kaffeeküche

Bitte nicht noch mehr Verantwortung

So gern ich auch heute hier im Büro war, so froh bin ich auch wieder die Segel zu streichen und nach Hause zu schippern. Charlie schläft mittlerweile im Kinderwagen und in meinem Kopf schwappen Gedanken hin und her.

Was Eltern jeden Tag schon vor Arbeitsbeginn leisten ist meisterhaft!

Der Großteil meiner Kollegen hat ebenfalls Kinder und ich entwickle gerade ein ganz neues Verständnis für ihre täglichen Meisterleistungen. So gern ich auch wieder außerhalb der eigenen vier Wände arbeiten möchte, umso ermüdender ist schon der Gedanke an einen Alltag mit Baby und Bürojob. Ich bin doch schon Vollzeit-Mutter, wo soll denn noch Platz für neue Projekte und berufliche Ziele sein? Ich hab doch schon beide Hände voll mit Verantwortung!

Berlin Startup Friedrichshain Büro Interieur Frau Mitarbeiterin

Eine inzwischen leere Straßenbahn chauffiert uns zurück in unseren Heimatbezirk. Ich schaue aus dem Fenster: Die Berufstätigen haben sich in die umliegenden Bürohäuser verzogen und die Straßen sind wieder unbevölkert. Ich muss mir wohl einfach noch etwas mehr Zeit geben. Ein paar Monate bleiben mir noch in meiner Elternzeit und ich bin zuversichtlich, dass ich danach, auch mit Baby, wieder gern arbeiten gehen werde.

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