Was mache ich hier eigentlich? Von der Elternzeit in die Sinnkrise

Julia

#workingmom

Es ist kurz vor 8 am Morgen und der Wasserspender füllt müde mein stumpfes Glas. Das Blubbern des Wassers hallt durch das fast leere Büro. Seit vier Wochen ist meine Elternzeit mittlerweile vorbei und ich arbeite wieder in meinem alten Beruf. Mein verstummtes Wasserglas und ich schlendern zurück zu meinem Schreibtisch, um mich herum herrscht noch gähnende Leere. Ich gähne eine Runde mit und starre danach eine Weile phlegmatisch auf meinen Bildschirm.

Ein Büro voller Superhelden

Ich gehöre nun plötzlich zur Spezies der working moms. Schon am ersten Tag im neuen Alltag mit Arbeit und Kind empfinde ich einen schier unendlich tiefen Respekt vor all den Mamas und Papas unter meinen Kollegen. Was wir allmorgendlich schon alles hinter uns gebracht haben, bevor im Büro dann der eigentliche Arbeitstag beginnt, ist bemerkenswert.

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So richtig angekommen bin ich noch nicht. Kein Wunder nach 1.5 Jahren Ausnahmezustand. Ich muss der Sache einfach noch Zeit geben. Muss mir Zeit geben mich in meiner neuen Rolle, als Doppelagentin einzufinden. Mir schwirrt der Kopf – während ich Charlie morgens für den Tag in der Kita vorbereite, denke ich an die Aufgaben im Büro. Ein paar Stunden später im Büro schaue ich ständig auf die Uhr, um nicht zu spät wieder bei der Kita zu sein.

Kirschblüte Berlin Mama und Sohn Kleinkind Straße spazieren Frühling
Quo Vadis Mama?

Mein Wasserglas ist leer, meine ToDo Liste voll und in meinem Postfach tauchen neue E-Mails auf. Aber ich muss jetzt los. Zügig packe ich zusammen und mache mich auf den Weg zur Kita. Als ich das Büro verlasse, überkommt mich die große Vorfreude auf meinen kleinen Charlie. Ich frage mich wie sein Tag in der Kita wohl gewesen sein mag und was er mit seinen kleinen Kollegen alles erlebt hat. Ob er sich auch auf mich freut? Vermutlich wird er mich wieder mit seinem überraschten Blick empfangen, als würde er sich darüber wundern, dass sein Tag im Kindergarten schon wieder vorbei sein soll…

Kirschblüte Berlin Mama und Sohn Kleinkind Portrait Frühling

In der Kita herrscht das übliche geordnete Chaos. Zeitgleich sammeln zwei weitere Eltern ihren Nachwuchs aus der Menge spielender Kinder. Da mir mein Kind nur fortwährend begeistert »Bagga!« ins Ohr ruft, erzählt mir eine Erzieherin freundlicherweise etwas ausführlicher von seinem Tag. Er aß und schlief gut, hat draußen viel gebuddelt; keine neuen Schrammen oder Beulen, bis morgen.

Wenig später stehen Charlie und ich an einer Kreuzung. Vor uns schiebt sich träge der Blechbrei über den Fußgängerweg, der Berufsverkehr ist auf seinem Höhepunkt. Wir sind auf dem Weg nach Hause und wie wohl viele der Menschen hinter dem Lenkrad habe auch ich das Gefühl mein Tag würde jetzt erst so richtig beginnen. Zwar bin ich seit 5:30 wach, aber irgendwie raste der Tag bislang so an mir vorbei. Der Heimweg bremst mich nach und nach ab und zu Hause angekommen fühle ich mich angenehm entschleunigt. Hier bestimme ich das Tempo.

Alltag mit Kind Unser Alltag ist ihre Kindheit Haushalt Wäsche waschen Söckchen

Wenn dich die Elternzeit zurück in die Realität schleudert 

Eigentlich sollte man meinen, dass die Elternzeit nicht der Realität entspricht. Das diese Zeit die Ausnahme von der Regel ist. Eine Auszeit vom echten Leben. Schließlich ist es ja nicht normal sich dauerhaft um den eigenen Nachwuchs, statt die belange seines Arbeitgebers zu kümmern. Wieso habe ich dann das Gefühl, dass es eigentlich genau anders herum sein sollte…? Wieso denke ich, dass das hier gerade das echte Leben ist und eben nicht das hinter meinem Schreibtisch im Büro?

Ist die Elternzeit eine Auszeit von der Realität oder ist es anders herum?

Nichts ist echter, als eine volle Windel und nichts ehrlicher, als die Tränen eines Babys. Ein Baby will niemandem gefallen. Wenn es schlechte Laune hat, dann hat es schlechte Laune. Wenn es über deinen Witz lacht, dann war dieser auch wirklich wahnsinnig witzig. Und wenn es essen will, dann will es jetzt verdammt nochmal essen.

Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter

Mutter zu werden hat meine Perspektive verändert. Mir gezeigt was wichtig ist und was eben vielleicht doch nicht (mehr) so sehr. Ich lebe nicht nur für mein Kind, habe genug eigene Träume und Ambitionen für mich selbst und doch empfinde ich gerade keinen Job wichtiger, als den der Mama. Dass ich das mal so schreiben würde hätte ich nicht unbedingt gedacht.

Abends im Bett wandern meine Gedanken schon wieder ins Büro. Ich sehe mein leeres Hamsterrad langsam im Kreis eiern und frage mich, ob ich überhaupt wieder einsteigen möchte. Frage mich, ob mein Interesse für Quartalszahlen irgendwann zurückkommen wird. Und mit der Hoffnung irgendwann irgendwo anzukommen schlafe ich ein.

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1 Kommentar

  1. Followgram
    16. Juli 2019 um 22:46 — Antworten

    Ich spreche auch von mir. Ich wei? nicht, warum ich BWL studiert habe (ich bereue es allerdings nicht). Ich wollte nicht unbedingt T-Shirts verkaufen, als ich bei Spreadshirt einen Job annahm. Auch das Online Marketing hatte mich nicht gereizt. Ich wusste gar nicht was Online Marketing ist! Und spater: War es schon immer mein Traum, eine Agentur zu fuhren? Nein. Ich wollte Geld verdienen, mit etwas, das ich gut kann.

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