Habe ich vor lauter Baby verlernt ich zu sein?

Julia

Die Tür fällt ins Schloss und das Echo hallt lange in der nun leeren Wohnung nach. Nunja, fast leer, schließlich bin ich noch da. Mann und Baby sind aus dem Haus für einen Spaziergang und ich stehe wie angewurzelt noch immer hinter der Wohnungstür.

Ohrenbetäubende Stille

Ich überlege kurz und stelle fest – tatsächlich, ich bin seit Baby das erste Mal alleine hier zu Hause.

Die Wohnung kommt mir vor wie ein verwunschenes Märchenschloss. Ich laufe etwas planlos durch die Zimmer und höre meinen Herzschlag in der ungewohnten Ruhe. Erstmal auf die Couch. So, hier sitze ich nun. Das Laufgitter neben mir ist leer, doch ich höre Phantom-Baby-Geräusche; gruselig.

Den Mama-Modus ausschalten

Minuten später sitze ich noch immer etwas verloren im Wohnzimmer und mir juckt es in den Fingern. Ich schaue herüber in die Küche und sehe Dinge die weggeräumt werden wollen. Auch kommt mir der volle Wäschekorb in den Sinn und eigentlich wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt um Staubzusaugen. Aber halt!

Hauptrolle Mutter

Überfordert mit der Unterforderung

Mein Gehirn beginnt zu rasen; die Stille füllen um jeden Preis… Bin ich plötzlich Hausfrau? Hauptrolle Mutter? Wo ist der Rest geblieben? Habe ich es wirklich verlernt mal einfach so rumzusitzen und nichts zu tun? Wie war das vor dem Leben mit Baby? Ich kann mich nicht mehr erinnern…

Ich stehe auf und während ich durch den Westflügel flaniere komme ich langsam wieder zu mir. Zuerst ziehe ich mir etwas Schönes an. Etwas ohne Milchflecken. Dann koche ich mir einen Tee, obwohl immer eine Kanne fertiger Tee in der Küche steht, es geht hier eher um die Zeremonie. Dazu gehört das Anzünden einer Kerze, während draußen mittlerweile dicke Schneeflocken vom Himmel poltern und der Teebeutel zieht.

Mit der dampfenden Tasse in der Hand gehe ich ins Bad und drücke beim Anblick des Wäscheberges beide Augen zu. Später! Jetzt noch eine Gesichtsmaske und ich habe das Klischee-Programm perfekt abgespult. Tee schlürfend warte ich darauf, dass die Tonerde meine Poren reinigt und bin ein bisschen traurig darüber, dass mir nichts Besseres für meine Zeit alleine eingefallen ist.

Zwei Herzen in meiner Brust

Habe ich es verlernt ich zu sein? Als Mama von Charlie weiß ich mittlerweile ganz gut was ich zu tun habe. Er hat mich ausreichend programmiert und wir funktionieren als ein Team. Ich bin sehr glücklich damit und doch zeigt mir dieser Tag heute, dass ich mich mehr um mich selbst kümmern muss. Am Ende der Elternzeit wartet der Job und somit die nächste Rolle, die ich dann parallel zum Muttersein wieder einnehmen werde. Bis dahin sollte ich vielleicht ernsthaft trainieren meine Identität fern von Kinderzimmer und Büro wieder zu entdecken und auszuleben.

Auf das mich die nächste freie Zeit mit mir allein nicht so überfordert – proste ich mir selbst zu und leere meine Tasse.

Als ich mir die Maske wieder vom Gesicht wasche höre ich den Schlüssel im Schloss der Haustür. »Hallo wir sind zurück!« untermalt von einem fröhlichen Baby-Quietschen und mein Herz schlägt höher. Es rastet die Mutterrolle wieder ein und ich freue mich auf meine Jungs.

»Ich komme gleich, ich mach nur noch schnell die Waschmaschine an!«

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